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Das VRA(I)N-Modell zur Entscheidungsfindung – wie Eltern Selbstbestimmung während der Geburt umsetzen können

Jede Frau bzw. werdende Mutter hat ein Recht auf Selbstbestimmung und Autonomie während der Geburt. In jedem medizinischen oder geburtshilflichen Umfeld bedeutet dies, dass sie für jegliche Intervention (Medikamente, Untersuchung, operativer Eingriff etc.) ihr informiertes Einverständnis geben muss, bevor das Fachpersonal diese bei ihr durchführen darf. Nochmal ganz deutlich: die Frau (mit ihrem Baby) darf während der Geburt nicht berührt, mit Medikamenten versorgt, oder überredet werden bestimmte Maßnahmen über sich zu ergehen lassen, wenn sie dazu nicht vorab ausreichend informiert wurde und damit einverstanden ist. Also mit allen Chancen und Risiken der Intervention, so dass SIE (als evtl. fachfremde Person) diese versteht. Erst wenn sie nach dieser Erklärung ihr Einverständnis zu der Vorgehensweise gibt, darf das entsprechende Personal die besprochene Intervention durchführen.

In seltenen Notfällen kann es dazu kommen, dass diese Information abgekürzt oder ganz ausgelassen werden und das Personal nach bestem rechtlichen, fachlichen und persönlichen Wissen und Gewissen handeln muss. Doch in den meisten Fällen ist während Schwangerschaft oder unter der Geburt genügend Zeit das informierte Einverständnis von Mutter (und Vater) einzuholen.

Wie können nun Eltern mit diesem Recht auf informiertes Einverständnis umgehen?

Selbstbestimmung für die Geburt basiert auf dem Wissen um die Rechte und Möglichkeiten, die wir als Eltern haben. Schon alleine die Tatsache, dass wir wissen, dass wir über jegliches Vorgehen welches unsere Geburt betrifft, informiert werden und unsere Einverständnis geben müssen, hilft dabei sehr. Und das Bewusstsein, dass der Weg nicht immer nur in eine Richtung geht, sondern dass es meistens mehrere Möglichkeiten gibt, mit einer Situation umzugehen.

Die Umsetzung in der Kommunikation mit dem Fachpersonal

Um diese Möglichkeiten zu erfahren, ist es nötig mit den Geburtsbegleitern zu sprechen. Am besten gelingt dies, indem man (idealerweise der Vater, damit die Mama in ihrem tiefenentspannten Gebärstimmung bleiben kann) Fragen an sie stellt. Fragen regen die Menschen an, selber darüber nachzudenken und ihr Wissen darüber darzulegen. In der Regel ist das geburtsbegleitende Personal gerne bereit, die Verantwortung der Eltern zu respektieren und dies miteinzubeziehen. Das erleichtert ihre Arbeit, auch wenn es ggf. Zeit für Erläuterungen braucht. Sinnvoll ist es natürlich, wenn man weiß was oder wie man fragen sollte. Die Australische Familienärztin Sarah J. Buckley liefert dafür ein strukturiertes Modell, das Eltern zur Entscheidungsfindung nutzen können:

Das VRAN-Modell (englisch BRAN-Model)

Mit diesem Modell werden in 4 Schritten die

V – Vorteile (englisch Benefits)

R – Risiken

A – Alternativen und

N – der Effekt des Nichtstuns in dieser Situation beleuchtet.

Die Vorteile liegen dabei meistens am schnellsten auf der Hand, da das Personal das Vorgehen ja aus diesem Grund aufführt. Die gröbsten Risiken werden oft auch noch benannt, doch hier benötigt es häufig einer weiteren, eigenen und tiefgreifenden Recherche, um wirklich alle Aspekte eruieren zu können. Dazu können weiter Meinungen von der gleichen oder anderen Berufsgruppen (z.B. Arzt UND Hebamme) eingeholt werden. Ebenso können online, in Foren und im persönlichem Gespräch weitere Facetten beleuchtet werden. Das gleiche gilt für die Alternativen, die anstelle des vorgeschlagenen Weges infrage kommen. Es gibt nicht nur einen Weg, um das gewünschte Ergebnis während einer Geburt zu erzielen. Genannt seien hier z.B. alternative Methoden, um die Geburt zu initiieren bzw. einen Fortschritt anzuregen. Wichtig ist vor allem auch die letzte Frage: was passiert wenn wir (jetzt) nichts tun? Häufig schreitet eine Geburt von alleine fort, wenn den Eltern Zeit gegeben wird. In den seltensten Fällen ist es medizinisch notwendig eine Entscheidung sofort zu treffen. Und wenn es nötig werden sollte, so ist das ein starkes Argument für die Eltern und sie können sich auch mit dem Vorgehen einverstanden erklären.

Eine ergänzende Facette – das I

Während ich diesen Blogpost schreibe, entdeckte ich, dass Patricia von the mothering journey einen Beitrag zu dem Modell geschrieben hat, indem sie die 4 Buchstaben, um ein I für Instinkt ergänzt, d.h. dann VRAIN-Analyse (http://themotheringjourney.de/interventionen-waehrend-der-geburt-vermeiden-vrain-eine-entscheidungshilfe/). Diesen Gedanken finde ich sehr, sehr wertvoll, denn das Bauchgefühl der werdenden Mama (und auch des Papas) ist während einer Geburt und auch später unglaublich stark. Sie hat eine tiefe Verbindung zu ihrem Kind und kann -wenn sie ganz bei sich und ungestört ist – am besten bewerten, wie es ihr und ihrem Kind im Moment gerade geht. So blieb ich selbst vollkommen entspannt und sicher, dass es ihm gut geht, als die Herztöne meines Söhnchens auf Stress hinwiesen während die Hebamme im Kreißsaal etwas in Panik geriet. Und ich kenne eine andere Geschichte, in der die Mama plötzlich sagte „mir geht’s ganz schlecht, irgendetwas stimmt hier nicht“ und das Personal ganz schnell reagierte, um das in Not geratene Kind zu entbinden. Die Intuition ist also ein großer Faktor, während der Geburt und sollte unbedingt in Entscheidungen miteingebunden werden!

Selbstbestimmung in der tatsächlichen Situation

Bei all der Aufregung, die mit einer Geburt einhergehen kann, ist das VRAN- oder VRAIN-Modell eine gute Entscheidungshilfe für werdende Eltern, weil es hilft Fragen zu stellen und die Entscheidungsfindung zu strukturieren. So können Eltern ihre Selbstbestimmung während der Geburt umsetzen und eine gute Geburt, nach ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen gestalten. Viele Entscheidungen lassen sie vorab auch schon besprechen und gemeinsam treffen. Dann weiß der Papa, der ja die Mama während der Geburt vor aller rationalen Kommunikation und Entscheidungen schützen soll, was er in der tatsächlichen Situation zu tun hat. Diese Informationen und Entscheidungen sind ein Teil der Geburtsvorbereitung und als Grundlage können hierfür viele Quellen, wie Geburtsvorbereitungskurse, Frauenarzttermine, Hebammengespräche, Internetforen, geburtsmedizinische und -geburtshilfliche Fachliteratur, sowie Geburtsberichte und -bücher etc. genutzt werden.